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Florian Mayer unterliegt Roger Federer in extremis

bet-at-home Open 2013 | Hamburg

 

Der Aachener Florian Mayer spielt und kämpft grossartig und unterliegt schlussendlich doch dem Topgesetzten Roger Federer mit 6:7(4), 6:3 und 5:7. Roger Federer steht im Halbfinal vom bet-at-home Open in Hamburg.

 

Das Spiel der Beiden war voller Dramatik und die beiden verlangten sich knapp zwei Stunden lang alles ab. Im ersten Satz beim Stande von 3:2 für Mayer hatte der Deutsche auch bereits den ersten Breakpoint. Federer konnte diesen mit gutem ersten Aufschlag abwehren. Doch es sollte längst nicht der letzte Breakball des Spiels gewesen sein. Das Spiel hatte mehr Wendungen und Spannung als ein Hitchcock Thriller. Mayer setzte Federer immer wieder mit seinen wuchtigen, beidhändig gespielten Rückhandschlägen unter Druck. Zudem glänzte der Aachener auch mit exzellentem Serve and Volley Spiel.

 

Beim Stande von 4:4 zitterte dann zum ersten Mal die Hand von Mayer. Er verzog eine einfache Vorhand und lag 15:30 zurück. Doch auch Federer verteilte noch Geschenke und verzog kurz darauf gleich zweimal. Mayer konnte noch einmal halten und ging mit 5:4 in Führung. Beim Stande von 5:5 wurde es wieder eng aber Mayer gelangen ein paar sehr druckvolle Vorhandschläge und er ging erneut mit 6:5 in Führung. Federer folgte ihm kurz darauf ins Tie-Break.

 

Im Tie-Break gelang Federer dann direkt ein Mini-Break als Mayer einen Volley neben die Linie setzte. Mayer holte sich ein Mini-Break zurück, indem er Federer am Netz wunderschön passierte. Doch dann wurde wieder eine Rückhand von Mayer zu lange und Federer holte sich erneut ein Mini-Break zum 3:1. Mayer dann mit gutem Aufschlag zum 2:3 und die Reihe war wieder zweimal an Federer. Der Schweizer servierte weiterhin solide und konnte mit einer 4:2 Führung zur kleinen Pause. Dann verspringt Federer ein Ball an der Grundlinie und es stand nur noch 3:4. Alles wieder in „Order“ und der Krimi hielt an. Mayer jagte dann Federer über den Platz und es sah gut aus für den Deutschen, bis das Timing nicht stimmte und er einen Ball weit verzog, 5:3 für Federer. Beim nächsten Punkt schlug Federer einen wuchtigen Return und konnte auf 6.3 davonziehen. Er sicherte sich somit drei Satzbälle. Dann vergab der Schweizer viel zu leichtsinnig am Netz und es stand nur noch 4:6. Es folgte ein langer Ballwechsel mit spektakulären Schlägen und mit einem super Vorhandwinner ins Eck von Federer. Er beendete somit den ersten Satz im Tie-Break mit 7:6(4).

 

Man hatte das Gefühl, dass Federer im ersten Spiel leicht ins Schwitzen kam und die nötige Hitze verspürte aber nein, für den zweiten Durchgang zog er sich einen modischen Pullunder an. Das sieht man selten auf einem Tennisplatz und muss Mayer noch weiter verunsichert haben. Royaler und adretter angezogen kann man nicht zu einem Profisportspiel antreten. Die Fans in Hamburg waren sich einig, Federer bringt den gewünschten Glamoureffekt in die Hansestadt. Mayer musste prompt über Einstand, glich aber aus zum 1:1. Mayer kämpfte weiter und konnte nochmals zulegen. Er spielte ein sensationelles Game und führte schnell mit 15:40. Er brauchte nur einen seiner beiden Breakpunkte und schlug mit einem Vorhandwinner zu. 2:1 Führung für den Deutschen und das erste Break der Partie. Federer im zweiten Satz unter Druck, denn Mayer liess bisher bei seinen Auschlägen nichts anbrennen.

 

Florian Mayer springt bei seinem Rückhandschlag einen halben Meter in die Luft und das bringt dem Schlag zusätzliche Geschwindigkeit die er heute gekonnt einsetzte. Das Spiel nun hochstehend und sehr spannend. Dann kam Federer zum Breakball und Mayer wehrte mit einem super Volley am Netz ab. Kurz darauf wieder Breakball für Federer und Mayer erneut bravurös am Netz zum Einstand. Mayer fühlte sich nun vor allem vorne am Netz sehr sicher und sah dort seine Chancen und er stürmte weiter nach vorne wann er konnte und punktete mit schönen Volleyschlägen. Mayer wirkte sicher und brachte sein enges Aufschlagspiel doch noch in trockene Tücher. Er führte nun mit 3:1 im zweiten Satz gegen Roger Federer. Nur wenn Federer jeweils an die Linie spielte gehört der Punkt ihm. Er spielte nach wie vor zu oft ins offene Feld und sah sich einer donnernden Vorhand von Mayer ausgesetzt. Er geriet wieder unter Druck und Mayer holte sich seinen nächsten Breakball und was war seine Waffe? Ganz klar, der Netzangriff. Mayer stand schon beim Service sehr weit im Feld drin und lief sofort ans Netz. Federer welcher früher den Gegner mit Longline Bällen alt aussehen liess, spielte mit zu viel Sicherheit in Richtung Mayer und dieser war heute Herr der Lage veim volieren. Erneut setzte er den Ball gekonnt an die Aussenlinie. Das nächste Break war perfekt und Mayer führte bereits mit 4:1. Er dominierte nun seinen Gegner, welcher immerhin Roger Federer heisst, nach belieben. Bei seinem eigenen Aufschlagspiel stand es schnell 40:0 und nur weil Federer wieder einmal mutig war, konnte er noch einen Punkt realisieren, bevor Mayer auch dieses Game gewann. 5:1 für den Deutschen.

 

Doch leider wie so oft wenn man gegen einen Top10 Spieler führt und nur noch abschliessen muss, beginnt man Angst vor der eigenen Courage zu haben. Die Nervosität steigt in einem auf, der Puls rast und man macht Fehler. Die Opponenten können dies jeweils sehr schnell zu ihren Gunsten ausnutzen. Wenn man bedenkt wie oft ein Nadal, Djokovic, Murray und Federer in solchen Situationen standen und wieviel Erfahrung sie dadurch besitzen. Federer gelang aus dem Nichts heraus ein Break, er brachte sein Aufschlagspiel durch und schon war er wieder dran. Er konnte auf 3:5 verkürzen. Mayer haderte nun und war sichtlich unzufrieden. Doch als Federer zum 4:5 abschliessen konnte, produzierte er einen Doppelfehler und spielte nicht mehr so unwiederstehlich wie zuvor. Mayer kam erneut zu einem Breakball, welcher gleichbedeutend mit einem Satzball war und er verwertete diesen. Mayer gewinnt den zweiten Satz mit 6:3 und somit seinen ersten Satz gegen Federer. Die Statistik sprach Bände. Während Federer 1 von 7 Breakbällen verwertete, konnte Mayer 3 von 3 verwerten. Absolut verdient glich der Deutsche aus und es folgte den mit Spannung erwartete dritte Satz.

 

Es war bereits 21:15 Uhr in Hamburg und es wurde dunkler und Federer bekam anscheinend wieder heisser. Er entledigte sich seinem Pullunder, welcher doch eher störte als nützte und Mayer hatte wieder Aufschlag. Das erste Aufschlagspiel schloss er zu null ab und zeigte Federer, dass er bereit ist dieses Spiel heute zu gewinnen. Federer musste sich steigern und er legte zu. Er gewann seinen Service und spielte besser, druckvoller und wieder näher an die Linien. Mayer war nun gefordert und mehr unter Druck als noch zuvor und Federer erarbeitete sich Breakbälle. Er konnte gleich seinen ersten verwerten und mit 2:1 in Führung gehen. Das zweite Break in diesem Spiel und das erste im dritten Satz und ein sehr wichtiges. Mayer heute den Aufschlag abzunehmen war schwierig und doch war dies noch lange keine Vorentscheidung. Der Deutsche wirkte auch alles andere als geknickt und spielte munter auf seinem hohen Niveau weiter. Er griff Federer direkt wieder an. Lange Ballwechsel waren die Folge und Federer musste sein ganzes Können auspacken um nun zu punkten. Mayer blieb gefährlich und kam wieder zu einer Breakchance. Federer parierte aber Mayer blieb dran und erarbeitete sich die zweite Breakchance, die er dann auch nutzen konnte. Federer spielte einen Stoppball welcher sich zu einem Netzroller entwickelte und für Mayer somit noch zu erreichen war. Mayer spielte den Ball auf der Seite hinters Netz und breakte Federer. Der Ausgleich zum 2:2 und somit das direkte Re-Break.

 

Federer schien sich nicht irritieren zu lassen und nahm den Kampf auf. Er setzte Mayer direkt wieder unter Druck und spielte nun zwei Zauberrückhandbälle für die Best-of-Gallerie in Hamburg und schaffte das Re-Re-Break. Der Schweizer lag im dritten Satz mit 3:2 in Front aber wie bereits vorhin geschrieben, wusste jeder Zuschauer, dass dies noch keine Hypothek für den Deutschen ist. Es konnte weiter auf beiden Seiten gezittert werden und es wurde immer dunkler in Hamburg. Wenn es schon etwas für die Gallerie geben sollte, dann dachte sich Federer, dass er auch noch seinen Spezialschlag zwischen den Beinen spielen könnte. Gesagt getan aber sehr Beispielhaft zum jetzigen Selbstvertrauen des Schweizers spielte er diesen Schlag nicht mit voller Wucht am Gegner vorbei wie auch schon, in weitaus dramatischeren Situationen wie dem US Open Halbfinal gegen Djokovic, nein er spielte einen legeren Lob, welcher viel zu weit wurde und im Aus landete. Die Zuschauer applaudierten trotzdem aber genau an diesen Punkten muss der Schweizer arbeiten, wenn er wieder ganz nach oben in der ATP-Weltrangliste will. Das Game brachte er dennoch ins Trockene und legte mit 4:2 vor. Mayer war heute aber absolut auf der Höhe und spielte munter weiter. Er begann ebenfalls zu zaubern und blieb seinem variantenreichen Spiel treu. Der Aufschlag kam wieder besser und er beendete sein Game zum 3:4 zu null. Nun musste Federer halten und Mayer auf der anderen Seite unbedingt ein Break gelingen. Die Spannung war nun auf dem Höhepunkt in Hamburg. Mayer rückte bei Federers zweiten Aufschlägen wieder weit nach vorne ins Feld und returnierte sehr früh und wuchtig. Er nahm die Bälle früh und die ehemalige Nummer 1 der Welt wusste teilweise während des Ballwechsels nicht mehr wie weiter. Mayer hatte mit seiner Taktik Erfolg und führte schnell mit 0:40. Federer konnte zwei der drei Breakbälle abwehren doch beim dritten war es dann soweit. Mayer war wieder dran. Erneutes Break gegen den Schweizer und es stand 4:4.

 

Florian Mayer spielte wirklich stark und man will die Punkte des Deutschen nicht schmälern aber solche Möglichkeiten mit einem 5:3 davonzuziehen wusste Federer noch immer zu nutzen. Er ist definitiv noch nicht wo er selber sein möchte und verschlägt oft die aussichtsreichsten Bälle. Mayer wusste, dass heute sehr viel drinliegt und powerte weiter. Das nächste Aufschlagspiel war wieder ein schnelles und der Deutsche lag nun wieder mit 5:4 in Front. Wenn Federer jetzt wackeln würde, wäre der Sieg seiner. Motiviert bis in die Haarspitzen kam der Deutsche aufs Feld und war definitiv auch ein Star unter den Flutlichtern vom Rothenbaum. Er verlangte der Nummer 5 der Welt alles ab. Nur wenn Roger Federer absolut präzise spielte, gelangen ihm nun Punkte. Federer glich zum 5:5 aus und die Reihe war wieder an Mayer. Florian Mayer war seinem Ziel so nahe und nun begannen die Hände wieder mehr zu zittern. Die Volleys kamen nicht mehr und Federer packte seinerseits eine spitzenmässige Vorhand aus. Ein c’mon Schrei von Federer und das 0:40 und damit drei Breakbälle für den Schweizer. Den ersten wehrte Mayer mit einem sehr schönen Stoppball ab. Doch beim nächsten haute Federer einen wuchtigen Vorhandwinner an die Linie und das erneute Break war Tatsache. 6:5 Führung für Federer welcher nun zum Gewinn des Spiels aufschlagen konnte.

 

Die Uhr zeigte 10 vor 10 und Federer brillierte nun selbst am Netz mit einem Volleystoppball. Jetzt folgte sogar noch ein Ass und der Deutsche konnte einem nach grossartigem Spiel und Kampf richtiggehend leid tun. Federer führte 30:0 und setzte einen Rückhandstoppball hinter die Netzkante. Nun gelang dem Schweizer zum Schluss wieder alles. Er hatte drei Matchbälle und verwertete seinen ersten zum 7:5 im dritten Satz und zum Sieg gegen Florian Mayer. Nach 1:59 gaben sich die beiden Kontrahenten freundlich aber nicht wahnsinnig freundschaftlich die Hände und man spürte die enorme Enttäuschung auf Seiten von Florian Mayer. Er hätte den Sieg mehr als verdient gehabt und scheiterte dennoch an Federer.

 

Roger Federer fehlt es noch an Vertrauen in den Tennis-Schläger und an Präzision. Bälle welche er früher direkt an die Linie gespielt hat, fliegen heute mitten ins Feld und geben dem Gegner seinerseits Chancen. Seine Entscheidung die Turniere in Hamburg und Gstaad zu bestreiten waren mehr als richtig. Er muss wieder Vertrauen tanken, wieder Spiele gewinnen um zu alter Stärke zurückkehren zu können. Federer war sich gewohnt, dass die Bälle dorthin flogen wo er sie wollte und konnte lange Ballwechsel vermeiden indem er sehr schnell zu punkten kam. Heute dauern die Ballwechsel länger und die Gegner können sich besser entfalten und haben Zeit sich zu positionieren. Sobald Federer den neuen Schläger beherrscht und wieder Selbstvertrauen getankt hat, kann er wieder zum gefürchtesten Spieler auf der Tour werden. Die Fitness hat nie gelitten. Er wirkt austrainiert und konditionell absolut auf der Höhe. Am Beispiel von Tommy Haas sieht man, dass Federer durchaus mit 35 noch Turniere gewinnen kann. Jetzt muss zuerst die Präzision und das Vertrauen zurück und dann liegen wieder glorreiche Turniersiege drin für den Schweizer. Möglicherweise bereits dieses Wochenende am Hamburger Rothenbaum. Roger Federer trifft am Samstag im Halbfinale auf den Qualifikanten und krassen Aussenseiter Federico del Bonis aus Argentinien. Wir berichten wieder Live!

 

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